Miralem ist 55, in Zentralbosnien geboren – und seit vielen Jahren in Würzburg zuhause. Seine Kindheit war geprägt von einer starken Nachbarschaft, in der Türen offenstanden und Mahlzeiten geteilt wurden. Das Bild seiner Großeltern am Fluss, der durch sein Heimatgebiet fließt, trägt er bis heute in sich. Auch sein Name hat für ihn Bedeutung: Miralem, eine orientalische Zusammensetzung aus „der Wissende“ und „der Führende“. „Ich versuche meinem Namen gerecht zu werden“, sagt er. Lernen, Lesen, Engagement – das begleitet ihn sein ganzes Leben.
Sein Weg nach Würzburg war lang und verwoben. Als Jugendlicher verbrachte er seine Sommer bei seinem Vater in der Stadt, später kam er dauerhaft, mit Unterbrechungen – und seit 2017 ist er wieder hier. Für ihn ist klar: „Gute Wahl getroffen.“ Würzburg erinnert ihn mit dem Main an seine Heimat und ist zugleich ein Ort, an dem er Geschichte, Vielfalt und kulturelle Lebendigkeit sieht.
Miralem engagiert sich seit Jahrzehnten für Integration. Schon in den 1990ern half er Geflüchteten aus dem ehemaligen Jugoslawien beim Ankommen, beim Übersetzen, in rechtlichen Fragen. Heute ist er stellvertretender Vorsitzender des Integrationsbeirats. Er nennt es sein „Herzensanliegen“, dass Zugewanderte in Würzburg mehr Mitsprache, Sichtbarkeit und politische Teilhabe bekommen. Zu oft, sagt er, werde vergessen, dass Integration kein Selbstläufer ist – sondern Arbeit, Begegnung und gegenseitiges Zuhören braucht.
Gleichzeitig blickt Miralem kritisch auf gesellschaftliche Entwicklungen. Die zunehmende Polarisierung, Rechtsextremismus, Homophobie und Islamfeindlichkeit bereiten ihm Sorgen. Doch er sieht auch Fortschritte: leichtere Einbürgerungen, bessere gesetzliche Rahmenbedingungen, eine jüngere Generation, die offener und vielfältiger lebt. Seine Hoffnung misst er oft an seiner elfjährigen Tochter und ihrem Umfeld – dort spürt er, wohin sich die Gesellschaft entwickeln kann.
Privat wünscht sich Miralem vor allem eines: Gesundheit. Für die Zukunft seiner Familie, für sich selbst. Kraft findet er in Gott, in der Natur, in seinen vielen Hobbys – und in Menschen, die ihm gut tun. Essen spielt eine besondere Rolle: bosnischer Eintopf, Cevapcici, Krautwickel, gefüllte Paprika. Jedes Gericht trägt Erinnerungen an Familienfeste, an Nachbarn, an Gemeinschaft. „Wir sind sehr gesellig“, sagt er – und lebt diese Offenheit auch heute in Würzburg weiter.
Für die Stadt wünscht er sich mehr interkulturellen Austausch, mehr Anerkennung, mehr Mut, gesellschaftliche Vielfalt wirklich zu leben. Für Deutschland mehr Toleranz, Zusammenhalt und eine Zukunft, die ökologisch und sozial trägt. Und für sich selbst? „Zufriedenheit, Akzeptanz, Frieden. Auch Frieden hier – in unserer Gesellschaft.“
Mehr Geschichten wie die von Miralem findest du auf endlichankommen.info
Jeder Mensch - egal wie alt, egal woher - will irgendwann endlich ankommen. Wir zeigen 1.000 Menschen aus Würzburg, jeden mit seiner eigenen Geschichte.
Über diese Geschichten, Kunst, Diskussionen und kreative Formate laden wir alle ein, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsame Werte zu entdecken und sie im besten Fall gemeinschaftlich umzusetzen.
Dass Diversität im eigenen Umfeld als Chance begriffen werden kann, will das Projekt ebenso erfahrbar machen, wie das Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn man selbst etwas verändert.
